Transvulcania 2022 mit Susanne Beisenherz

Lesen Sie hier ihren persönlichen Erfahrungsbericht:

Auf der steilsten kanarischen Insel La Palma im Atlantik fand nach 2,5 Jahren Zwangspause (Pandemie und Vulkanausbruch) endlich wieder der berühmt berüchtigte Transvulcania statt. Einer der härtesten und spektakulärsten Ultrabergläufe, dem sich Athleten aus aller Welt (60 Nationen) stellen. Er kann gnadenlos sein, wie auch manchmal das Leben. So bin ich, als eine von 10% dort startenden Frauen, bereits zum 2. Mal mit dabei. Ich starte wie immer ohne Uhr, meine innere habe ich ja immer dabei :). Als eine der wenigen smartphonefrei lebenden Menschen, ist das Mitführen eines Handys aus Sicherheitsgründen auch für mich unerlässlich und gehört zur Pflichtausrüstung, genauso wie das Erste Hilfe Set und einiges mehr, das jeder Teilnehmer* im Laufrucksack mitzuführen hat.

Vom südlichsten Zipfel der Insel in Fuencaliente ging es hoch zur Caldera, von dort geht es über 16 km hoch auf 1800 Höhenmeter. Lange steile Anstiege wechseln sich mit welligen Passagen ab. Es gibt viele Höhen und Tiefen zu überwinden, alles an einem einzigen Tag. Von den fantastischen Aussichtspunkten kommt mir die Wolkendecke, die sich auf die Vulkanspitzen niederlegt, wie Zuckerwatte vor. Ich muss aufpassen, dass mich die wahnsinnig schönen Trails und Eindrücke nicht, sprichwörtlich und tatsächlich, umhauen. Denn dann kann das Rennen schnell vorbei sein.

Der Vulkansand und das spitze Lavagestein ziehen mir die Energie aus den Beinen. Bevor ich den höchsten Punkt der Insel, den Roque de los Muchachos mit 2425 Metern erreiche, drohen mich meine mentalen Kräfte zu verlassen. Mein Magen hängt halb quer, so kann ich nicht auf den zwar letzten, aber schwersten Abschnitt des Rennens gehen, den gefürchteten 18km langen Downhill über bröckelige Felssteine und unbefestigte steile Stufen. Er führt 2400 Höhenmeter nach unten und spuckt die Läufer direkt am Meer wieder aus. So setze ich mich zu unzähligen anderen Läufern* ins Versorgungszelt und nehme erstmal kalte Nudeln 🙁 mit einem Becher Brühe (lauwarmes Wasser mit Salz) zu mir. Ich lasse meinen Blick schweifen und stelle für mich fest, die Läufer, die nur sitzen und sich keine kalten Nudeln mit Brühe hinunterwürgen, werden wahrscheinlich nicht weiter laufen. Die Mahlzeit hat mich tatsächlich in kurzer Zeit so gestärkt, dass ich weiter laufen kann und ich den Weg nach ganz unten auf Meereshöhe nach Tazacorte schaffe. Auch auf den letzten 5km ins Ziel nach Los LLanos bekomme ich nichts geschenkt, denn ich muss durch die „Schlucht der Ängste“, ein ausgetrocknetes Flussbett nochmal 350 Höhenmeter durch die Bananenplantagen nach oben. Dann erreiche ich nach 75km mit 4700  Hm up und 4400Hm down in 13:12 Std. das Ziel (11. Platz W45-49, eine von 4. deutschen Frauen). Von 1390 gemeldeten Startern* finishen 100 Frauen und 809 Männer. Für mich ein einzigartiges Erlebnis, keine Qual, sondern ein Geschenk.